{"id":760,"date":"2013-06-01T13:54:27","date_gmt":"2013-06-01T12:54:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ericlee.info\/blog\/?p=760"},"modified":"2013-06-01T13:54:27","modified_gmt":"2013-06-01T12:54:27","slug":"die-richtigen-schlusse-ziehen-uber-gewerkschaften-der-textilarbeiterinnen-in-bangladesh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/die-richtigen-schlusse-ziehen-uber-gewerkschaften-der-textilarbeiterinnen-in-bangladesh\/","title":{"rendered":"Die richtigen Schl\u00fcsse ziehen: \u00dcber Gewerkschaften der Textilarbeiterinnen in Bangladesh"},"content":{"rendered":"<p>This article appeared this week in <a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2013\/22\/47795.html\">Jungle World<\/a>.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Viele internationale NGOs konzentrieren sich in ihren Kampagnen als Reaktion auf den Fabrikeinsturz in Bangladesh auf die Konsumenten. Wichtiger ist jedoch die St\u00e4rkung der lokalen Gewerkschaften.<\/strong><\/p>\n<p>Der Tod von mehr als 1\u2009100 Arbeiterinnen und Arbeitern in Bangladesh durch den Einsturz des Rana-Plaza-Geb\u00e4udes im vergangenen Monat (siehe auch Interview-Seite) f\u00fchrte bei Kampagnenorganisationen auf der ganzen Welt zu hektischer Betriebsamkeit. Vor allem diejenigen im Online-Bereich\u00a0\u2013 Gruppen wie Avaaz, Change.org und die relativ neue SumOfUs.org\u00a0\u2013 organisierten als Reaktion schnell Kampagnen. Diese verfolgten alle ein \u00e4hnliches Konzept: Die westlichen Konsumentinnen und Konsumenten m\u00fcssten Druck auf die Unternehmen aus\u00fcben, die Kleidung produzieren, damit diese sich in Zukunft besser ben\u00e4hmen. Das ist alles gut gemeint, aber das Problem ist, dass sie sich ganz auf die Rolle der Konsumenten konzentrieren und dabei nicht nur die Rolle der Produzenten vernachl\u00e4ssigen.<\/p>\n<p><b>Die Textilarbeiterinnen und- arbeiter in Bangladesh entschieden sich f\u00fcr eine Kampagne<\/b> mit ihrem globalen Gewerkschaftsverband \u00bbIndustriALL\u00ab mit Sitz in Genf. Sie richteten ihre Forderungen nicht an westliche Bekleidungsfirmen, sondern an ihre eigene Regierung. Diese solle die Arbeitsgesetze des Landes reformieren, um gewerkschaftliche Organisation zu erleichtern.<\/p>\n<p>\u00dcber die Online-Plattform Labourstart rief IndustriALL dazu eine Kampagne ins Leben und innerhalb von nur drei Wochen hatten bereits 14\u2009000 Menschen Nachrichten dar\u00fcber verschickt. Zus\u00e4tzlich initiierte IndustriALL ein Abkommen mit f\u00fchrenden Bekleidungsunternehmen f\u00fcr deutlich verbesserte Gesundheits- und Sicherheitsstandards in Bangladesh.<\/p>\n<p>Problematisch an der Konzentration vieler internationaler NGOs auf die Konsumentenseite ist auch, dass dies Nationalismus f\u00f6rdert. In einer E-Mail als Reaktion auf die Kampagne von LabourStart und IndustriALL war zu lesen, die Lektion aus der Trag\u00f6die in Savar sei: \u00bbProduziert Kleidung in Kanada.\u00ab Das macht nur Sinn, falls man Kanadier ist, und selbst dann liegt man damit falsch.<\/p>\n<p>Viele Menschen gehen davon aus, dass die westlichen Konsumenten schuld an dem Ungl\u00fcck seien, weil sie billige Kleidung wollen. Es sei nicht die Schuld der Arbeitgeber in Bangladesh oder der antigewerkschaftlichen Politik der Regierung. Der Britische Gewerkschaftskongress nahm dieses Argument k\u00fcrzlich erfolgreich in einer Anzeige auseinander, die im Netz weit verbreitet wurde. Darin wurde belegt, dass eine Verdopplung der L\u00f6hne der Textilarbeiterinnen und -arbeiter in Bangladesh die Kosten eines T-Shirts nur um einen Penny erh\u00f6hen w\u00fcrde. Der monatliche Mindestlohn betr\u00e4gt in Bangladesh 3\u2009000 Taka (umgerechnet 29\u00a0Euro), ein F\u00fcnftel des derzeit in China herrschenden Mindestlohns.<\/p>\n<p><b>Doch nicht nur indem<\/b> sie sich auf die Verantwortung der Konsumenten f\u00fcr die Katastrophe in Savar konzentrieren, beweisen die Kampagnen-NGOs einen Mangel an Urteilsverm\u00f6gen. Eine Organisation k\u00fcndigte beispielsweise an, sie sammle 20\u2009000 US-Dollar, um ein lokales Zentrum f\u00fcr Arbeiterrechte in Bangladesh zu unterst\u00fctzen. Aber im Kleingedruckten stand, dass Spenden \u00fcber diese Summe hinaus der Organisation selbst zugute kommen w\u00fcrden, um die Geh\u00e4lter ihrer Angestellten in den USA zu bezahlen. Eine andere NGO forderte die Menschen per E-Mail auf, ihrer Wut \u00fcber die Trag\u00f6die durch Geldspenden Luft zu machen\u00a0\u2013 nicht, um den Opfern zu helfen, sondern um die Organisation mit Sitz in Washington bei der Verbreitung dieses Aufrufs zu unterst\u00fctzen. Das Fundraising durch IndustriALL verlief anders. Es war mit den Textilarbeitergewerkschaften in Bangladesh abgestimmt und das Geld ging direkt an sie.<\/p>\n<p>Zu behaupten, dass Konsumentinnen und Konsumenten bei all dem keine Rolle spielten, wird der Sache auch nicht ganz gerecht, denn am wichtigsten ist es, Solidarit\u00e4t mit den Besch\u00e4ftigten an Ort und Stelle zu \u00fcben und ihre Gewerkschaften zu st\u00e4rken. Versuche, unabh\u00e4ngig \u00fcberpr\u00fcfbare Zertifikate zu schaffen, die belegen, dass Produkte ethisch korrekt produziert wurden, waren bislang zum Scheitern verurteilt. Gruppen wie die Rainforest Alliance, deren Zertifikate belegen sollen, \u00bbdass Produkte und Dienstleistungen auf umweltfreundliche, sozial und wirtschaftlich nachhaltige Weise erzeugt wurden\u00ab, wurden von Gewerkschaften stark daf\u00fcr kritisiert, dass sie einige Produkte zertifizierten, ohne die Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern zu ber\u00fccksichtigen. Vor einigen Jahren prangerte die International Union of Foodworkers das britische Teeunternehmen Tetley f\u00fcr seine unethische Praxis an, obwohl die Firma stolzes Mitglied der \u00bbEthical Tea Partnership\u00ab ist.<\/p>\n<p>Die einzige Garantie daf\u00fcr, dass Besch\u00e4ftigte eine Stimme an ihrem Arbeitsplatz haben und dass Gesundheits- und Sicherheitsfragen angemessen ber\u00fccksichtigt werden, ist eine unabh\u00e4ngige Gewerkschaft am Arbeitsplatz. Die einzige Gew\u00e4hr, die Konsumentinnen und Konsumenten daf\u00fcr haben, dass die von ihnen gekauften Produkte die von Zertifizierungsorganisationen versprochenen ethischen Standards tats\u00e4chlich erf\u00fcllen, ist ein Zertifikat der Gewerkschaft.<\/p>\n<p>Ein solches wurde erstmals 1874 von Schreinern in San Francisco eingef\u00fchrt und verbreitete sich sp\u00e4ter mit dem Erstarken von Gewerkschaften in Nordamerika. Nicht lange ist es her, dass man Gewerkschaftszertifikate auf Kleidung, Druckerzeugnissen und vielem mehr finden konnte. Als die Gewerkschaften schw\u00e4cher wurden, verschwand das Zertifikat zusehends. Aber der Tod so vieler Textilarbeiterinnen und -arbeiter sollte ein Umdenken anregen\u00a0\u2013 vielleicht ist es an der Zeit, das Zertifikat wiederzubeleben.<\/p>\n<p><i>Aus dem Englischen von Nicole Tomasek<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>This article appeared this week in Jungle World. Viele internationale NGOs konzentrieren sich in ihren Kampagnen als Reaktion auf den Fabrikeinsturz in Bangladesh auf die Konsumenten. Wichtiger ist jedoch die St\u00e4rkung der lokalen Gewerkschaften. Der&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[37],"tags":[],"class_list":["post-760","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-jungle-world"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/760","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=760"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/760\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":761,"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/760\/revisions\/761"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=760"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=760"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=760"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}