{"id":501,"date":"2011-07-10T09:25:54","date_gmt":"2011-07-10T08:25:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ericlee.info\/blog\/?p=501"},"modified":"2011-07-10T09:26:05","modified_gmt":"2011-07-10T08:26:05","slug":"grose-gesellschaft-ohne-gewerkschaft-der-arbeitskampf-im-offentlichen-dienst-grosbritanniens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/grose-gesellschaft-ohne-gewerkschaft-der-arbeitskampf-im-offentlichen-dienst-grosbritanniens\/","title":{"rendered":"Gro\u00dfe Gesellschaft ohne Gewerkschaft: Der Arbeitskampf im \u00f6ffentlichen Dienst Gro\u00dfbritanniens"},"content":{"rendered":"<p>Wie viele Schulen blieben geschlossen? Wie gro\u00df war die Zahl der Jobzentren, die ihre T\u00fcren nicht \u00f6ffneten? In der Berichterstattung \u00fcber den Streik im \u00f6ffentlichen Dienst konzentrierten sich die britischen Medien vor allem auf die Frage, welche Auswirkungen der Arbeitskampf hatte. Nach Angaben der Gewerkschaften war der Streik\u00adaufruf ein Erfolg, w\u00e4hrend die konservativ-liberale Regierung behauptete, es habe kaum sp\u00fcrbare Auswirkungen gegeben. Nur selten wurde dar\u00fcber debattiert, warum der Ausstand am Donnerstag voriger Woche \u00fcberhaupt stattfand.<!--more--><\/p>\n<p>An diesem Streik, der m\u00f6glicherweise erst der Anfang einer Welle von Arbeitsk\u00e4mpfen war, beteiligten sich fast 750\u2009000 Besch\u00e4ftigte. Die Regierung hat eine Reihe von \u00c4nderungen angek\u00fcndigt, die die Pensionen f\u00fcr Angestellte des \u00f6ffentlichen Dienstes erheblich mindern w\u00fcrden. Unter anderem soll ein niedrigerer Inflationsindex f\u00fcr die Berechnung der Pensionserh\u00f6hungen gelten, die Besch\u00e4ftigten sollen h\u00f6here Beitr\u00e4ge zahlen, f\u00fcr die meisten Berufsgruppen will die Regierung das Rentenalter auf 66\u00a0Jahre erh\u00f6hen, und in Zukunft soll das durchschnittliche Gehalt w\u00e4hrend des Arbeitslebens und nicht mehr der Verdienst vor dem Ruhestand ausschlaggebend sein.<\/p>\n<p>Einige Gewerkschaften haben gegen diese Pl\u00e4ne geklagt, alle haben versucht, mit der Regierung zu verhandeln. Doch zu Zugest\u00e4ndnissen ist Premierminister David Cameron nicht bereit, deshalb haben vier gro\u00dfe britische Gewerkschaften zum Streik aufgerufen. Derzeit sympathisieren die meisten Briten mit den Streikenden, obwohl der Arbeitskampf Unannehmlichkeiten mit sich bringt. Wenn es jedoch im Herbst zu weiteren Arbeitsk\u00e4mpfen kommen sollte, an denen sich mehr Besch\u00e4ftigte beteiligen und die l\u00e4nger dauern, k\u00f6nnte diese Unterst\u00fctzung schwinden.<\/p>\n<p>Aus Sicht der Gewerkschaften ist der Streit um die Pensionen Teil eines gr\u00f6\u00dferen Konflikts. Cameron propagiert die \u00bbBig Society\u00ab, der Staatssektor soll schrumpfen, seine Aufgaben sollen angeblich effizientere Privatunternehmen erf\u00fcllen, auch Wohlfahrtsorganisationen und B\u00fcrgergruppen sollen einspringen. Gewerkschaften sollen in der \u00bbBig Society\u00ab keine bedeutende Rolle spielen, wie j\u00fcngst von konservativen Politikern klargestellt wurde. Sie bestritten die Legalit\u00e4t des Streiks, da sich nur eine Minderheit der Gewerkschaftsmitglieder an der Urabstimmung beteiligt habe. Boris Johnson, der B\u00fcrgermeister von London, und andere Konservative fordern neue Gesetze, die das Streikrecht weiter einschr\u00e4nken.<\/p>\n<p><strong>In Gro\u00dfbritannien gilt bereits ein restriktiveres Arbeitsrecht<\/strong> als in den meisten anderen europ\u00e4ischen Staaten. Es wurde in den achtziger Jahren von der konservativen Premierministerin Margaret Thatcher eingef\u00fchrt, doch w\u00e4hrend der 13j\u00e4hrigen Regierungszeit der Labour Party gab es kaum \u00c4nderungen. Auch derzeit zeigen die Sozialdemokraten wenig Interesse daran, die Gewerkschaften zu unterst\u00fctzen. Ed Miliband, der Vorsitzende der Labour Party, stellte sich an die Seite Camerons und forderte die Gewerkschaften auf, den Arbeitskampf abzusagen.<\/p>\n<p>Aus zwei Gr\u00fcnden ist Milibands Stellung\u00adnahme gegen die Gewerkschaftsbewegung besonders bedeutsam. F\u00fcr Gewerkschaften im \u00ad\u00f6ffentlichen Dienst ist die Unterst\u00fctzung durch eine Partei und deren Parlamentsabgeordnete wichtiger als f\u00fcr Besch\u00e4ftigte des privaten Sektors, und die Gewerkschafter haben den Eindruck, dass sie im politischen System keine Repr\u00e4sentanten haben. Sozialisten sagen in Zeiten wie diesen den Arbeitern, dass sie eine Partei ben\u00f6tigten, die sie repr\u00e4sentiert. Doch in Gro\u00dfbritannien galt den meisten Gewerkschaftern seit einem Jahrhundert Labour als diese Par\u00adtei.<\/p>\n<p><strong>\u00dcberdies glaubte man von Miliband, dass er gewerkschaftsfreundlicher sei<\/strong> als seine Vorg\u00e4nger. Unter den Bewerbern f\u00fcr die Nachfolge Gordon Browns war es Miliband, den die Gewerkschaften favorisierten. Er hatte angek\u00fcndigt, die von Brown und Tony Blair unter dem Motto \u00bbNew Labour\u00ab propagierte, wirtschaftsliberal gepr\u00e4gte Politik durch eine R\u00fcckkehr zu den traditionellen sozialdemokratischen Werten zu ersetzen. Rechte Me\u00addien gaben ihm sogar den Spitznamen \u00bbRed Ed\u00ab, doch diesem Ruf ist Miliband nicht gerecht geworden.Die Gewerkschaften m\u00fcssen nun den Druck erh\u00f6hen, um die Regierung im Streit um die Pensionen zur R\u00fccknahme ihrer Pl\u00e4ne zu bewegen. Sie k\u00f6nnten es schaffen. Kleinere, weniger einflussreiche Gruppen haben die im vergangenen Jahr gew\u00e4hlte, aber bereits unpopul\u00e4re konservativ-liberale Koalitionsregierung zu Zugest\u00e4ndnissen gezwungen. So wurde der Vorschlag, die britischen W\u00e4lder zu privatisieren, nach einer Kampagne im Internet zur\u00fcckgezogen. Auch die geplante Reform der staatlichen Gesundheitsversorgung wurde wegen der Emp\u00f6rung in der \u00d6ffentlichkeit verschoben.<\/p>\n<p>Um den Kampf gegen die Pensionsreform zu gewinnen, m\u00fcssen die Gewerkschaften zusammenarbeiten, zumal sie nicht auf die Unterst\u00fctzung der Labour Party z\u00e4hlen k\u00f6nnen. Doch eine solche Zusammenarbeit gibt es derzeit nicht. Unison, die gr\u00f6\u00dfte Gewerkschaft im \u00f6ffentlichen Dienst, beteiligte sich nicht am Streik, sie will die Ergebnisse der Verhandlungen mit der Regierung abwarten. Selbst in den Gewerkschaften, die den Arbeitskampf organisierten, gab es unterschiedliche Meinungen, eine nicht unbedeutende Zahl von Mitgliedern sprach sich gegen den Streik aus.<\/p>\n<p>Das Problem der britischen Gewerkschaftsbewegung ist, dass sie ihre Basis im Privatsektor weitgehend verloren hat. Die ein Jahrhundert lang in der verarbeitenden Industrie und im Bergbau sehr einflussreichen Gewerkschaften sind binnen einer Generation fast verschwunden. Es bleiben die Besch\u00e4ftigten des \u00f6ffentlichen Dienstes, deren Gewerkschaftsf\u00fchrer nun von einem \u00bbHerbst der Unzufriedenheit\u00ab und weiteren Arbeitsk\u00e4mpfen sprechen, die aber einer gro\u00dfen Koalition der Streikgegner im politischen Establishment gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie viele Schulen blieben geschlossen? Wie gro\u00df war die Zahl der Jobzentren, die ihre T\u00fcren nicht \u00f6ffneten? In der Berichterstattung \u00fcber den Streik im \u00f6ffentlichen Dienst konzentrierten sich die britischen Medien vor allem auf die&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[37],"tags":[],"class_list":["post-501","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-jungle-world"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/501","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=501"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/501\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":503,"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/501\/revisions\/503"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=501"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=501"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=501"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}