{"id":315,"date":"2009-04-19T17:58:58","date_gmt":"2009-04-19T15:58:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ericlee.info\/blog\/?p=315"},"modified":"2009-04-19T17:58:58","modified_gmt":"2009-04-19T15:58:58","slug":"fabriken-zu-hupfburgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/fabriken-zu-hupfburgen\/","title":{"rendered":"Fabriken zu H\u00fcpfburgen!"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend die Londoner Innenstadt anl\u00e4sslich des G20-Gipfels in einen gro\u00dfen Campingplatz gegen den Kapitalismus verwandelt wurde, griffen Arbeiter in Nordirland und Gro\u00dfbritannien auf das alte Kampfmittel der Fabrikbesetzung zur\u00fcck.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nZum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren haben Arbeiter in Nordirland und Gro\u00dfbritannien die Fa\u00adbriken ihrer Arbeitgeber besetzt, die hart von der Wirtschaftskrise getroffen wurden.<br \/>\nEnde M\u00e4rz wurde Hunderten von Arbeitern im Visteon-Werk in Belfast \u2013 einem Betrieb, der Motorenteile f\u00fcr Ford herstellt \u2013 mitgeteilt, dass ihre Firma Insolvenz anmelden werde. Wegen der Zahlungsunf\u00e4higkeit des Unternehmens sollten die Angestellten lediglich die gesetzlich vorgeschriebene Abfindung erhalten.<br \/>\nDamit wollte sich die Belegschaft jedoch nicht zufriedengeben, und so begannen 80 Arbeiter mit der Besetzung des Finaghy-North-Road-Firmen\u00adgel\u00e4ndes. Die Arbeiter f\u00fchlen sich \u00bbbetrogen\u00ab, so ist es auf ihren Transparenten zu lesen. Sie be\u00adrufen sich auf die Vereinbarungen, die bei der Abspaltung des Subunternehmens Visteon von Ford im Jahr 2000 getroffen wurden, als ihnen weiterhin die Bedingungen von Ford und damit umfassende Abfindungen im Fall einer Firmeninsolvenz garantiert wurden.<br \/>\nAls die Arbeiter der britischen Produktionsst\u00e4tten Basildon (Essex) und Enfield (im Norden Londons), die ebenfalls geschlossen werden sollen, die Nachricht von der Besetzung in Belfast erhielten, begannen sie ihre eigenen Proteste. Innerhalb von 24 Stunden waren auch in diesen Orten Visteon-Werke besetzt. W\u00e4hrend Arbeiter in Basildon die Zufahrt zum Fabrikgel\u00e4nde blockier\u00adten, erlangten ihre Kollegen in Enfield die Kontrolle \u00fcber den Gro\u00dfteil der dortigen Fabrik. \u00bbWir werden hier bleiben, so lange es n\u00f6tig ist\u00ab, sagte Carl Benjamin, einer der Arbeiter in Enfield, der seit 14 Jahren f\u00fcr Visteon arbeitet.<br \/>\nIn Belfast verb\u00fcndeten sich Politiker beider Religionen, um die Arbeiter zu unterst\u00fctzen. Gerry Adams, Parlamentarier der Sinn Fein, setzte sich gemeinsam mit einem Repr\u00e4sentanten der Protestant Democratic Unionist Party bei der Firmen\u00adleitung f\u00fcr einen Kurswechsel ein. In England droh\u00adten die Anf\u00fchrer der Gewerkschaft Unite damit, die Auseinandersetzung auch auf die Fabriken von Ford auszuweiten.<br \/>\nKaum einen Tag nach der Besetzung der Fabrik in Enfield erwirkte die Firmenleitung eine gerichtliche Anordnung und forderte die an der Besetzung beteiligten Arbeiter dazu auf, die Fabrik zu r\u00e4umen. Das Gel\u00e4nde wurde von Sicherheitskr\u00e4ften umstellt. Gewerkschaftsvertreter sind inzwischen in die USA geflogen, um dort mit dem Management von Visteon \u00fcber ihr Anliegen zu verhandeln.<br \/>\nIn allen drei besetzten Fabriken in Nordirland und Gro\u00dfbritannien bem\u00fcht man sich derweil, die Menschen an den jeweiligen Orten f\u00fcr die Interessen der Belegschaft zu sensibilisieren. In der Fabrik in Belfast etwa wurde ein \u00bbFamilientag\u00ab organisiert, einschlie\u00dflich H\u00fcpfburg, Zauberer und Musik. Eine \u00e4hnliche Veranstaltung fand ver\u00adgangene Woche auch in Enfield statt. Die Resonanz ist allerdings nicht gerade \u00fcberw\u00e4ltigend. Zwar solidarisierten sich Arbeiter aus anderen britischen und irischen Fabriken mit der Belegschaft von Visteon, in Belfast spendeten lokale Landbesitzer sogar Lebensmittel. An der Solidarit\u00e4tsdemonstration, die vergangene Woche vor den Werkstoren in Belfast stattfand, nahmen allerdings nicht mehr als 150 Leute teil, dabei waren Tausende erwartet worden.<br \/>\nAuch die Medienresonanz fiel gering aus. Die Proteste gegen den G20-Gipfel monopolisierten die Aufmerksamkeit der britischen und internationalen Medien, schlie\u00dflich sollte am 1.\u2009April der bef\u00fcrchtete \u00bbsummer of rage\u00ab beginnen, wie der britische Geheimdienst Wochen zuvor vorausgesagt hatte. Die Demonstranten in London interessierten sich mehr f\u00fcr Banker im Anzug als f\u00fcr die Besetzer in den Fabriken. Die Arbeiter in Belfast, Basildon und Enfield ihrerseits k\u00fcmmerten die Proteste gegen den Weltfinanzgipfel herzlich wenig.<br \/>\nDie andauernden Besetzungen der Visteon-Werke zeigen eine neue Militanz der britischen Gewerkschaften und gleichzeitig einen R\u00fcckgriff auf eine alte Taktik. Die Besetzungen erinnern an die Arbeitsk\u00e4mpfe vor 20 Jahren, als das Werksgel\u00e4nde der Caterpillar-Traktorfertigung bei Glasgow f\u00fcr 103 Tage besetzt gehalten wurde. Damals konnte die Schlie\u00dfung allerdings nicht verhindert werden.<br \/>\nDie bis heute ber\u00fchmteste und erfolgreichste Fabrikbesetzung fand aber bereits im Jahr 1971 statt, ebenfalls in Glasgow. Damals sorgte ein \u00bbWork-in\u00ab der Upper Clyde Shipbuilders f\u00fcr gro\u00dfes \u00f6ffentliches Aufsehen. Sogar John Lennon spendete damals \u00f6ffentlichkeitswirksam f\u00fcr die Streikenden. Die Werft wurde gerettet \u2013 zumindest vorl\u00e4ufig.<br \/>\nDas Problem der derzeitigen Werksbesetzungen in Belfast und Nordlondon ist, dass die Arbeiter die Kontrolle \u00fcber Fabriken erk\u00e4mpft haben, f\u00fcr die sich niemand interessiert. Als die Autoarbeiter in Detroit in den drei\u00dfiger Jahren ihre ersten gro\u00dfen Sit-ins veranstalteten, erlangten sie die Kontrolle \u00fcber Produktionsmittel, die f\u00fcr ihre Be\u00adsitzer noch einen Wert besa\u00dfen. Dies verschaff\u00adte den Arbeitern ein wichtiges Druckmittel, um die gro\u00dfen US-amerikanischen Autounternehmen, einschlie\u00dflich Ford, zu zwingen, ihre Gewerkschaft (die United Auto Workers) anzuerkennen.<br \/>\nAnders verh\u00e4lt es sich heute mit den Arbeitern von Visteon. Sie verf\u00fcgen nicht \u00fcber ein solches Druckmittel, und ihre Forderungen verblassen im Vergleich zu denen ihrer Vorg\u00e4nger von vor siebzig Jahren. Anstatt nach gut bezahlten Jobs zu verlangen, fordern sie lediglich die Abfindungen, die Ford und Visteon ihnen vor neun Jahren versprochen haben.<br \/>\nDie Arbeiter sind sich jedoch bewusst, dass sie selbst damit weiterhin auf eine schwierige Zukunft zusteuern in einer Gesellschaft, in der Arbeitspl\u00e4tze schwer zu bekommen sind.<br \/>\nAnders als bei den Sit-ins in Glasgow in den siebziger und achtziger Jahren, k\u00e4mpfen die Arbeiter bei Visteon nicht f\u00fcr das Weiterbestehen der Firma. Ihre Gewerkschaft Unite wirkt ohnm\u00e4ch\u00adtig angesichts der Lage, obwohl sie die gr\u00f6\u00dfte Gewerkschaft Gro\u00dfbritanniens ist. Der Generalsekret\u00e4r, Derek Simpson, konnte ein Treffen mit dem Vorstandsvorsitzenden von Ford Europa, John Flemming, arrangieren und erkl\u00e4rte ihm, dass Ford eine \u00bbmoralische Verantwortung\u00ab f\u00fcr seine Angestellten habe. Flemming versprach, die Angelegenheit mit dem Management von Vis\u00adteon in den USA zu besprechen.<br \/>\nAls bei den Arbeitsk\u00e4mpfen der drei\u00dfiger Jahre erk\u00e4mpft wurde, dass Unternehmen wie Ford die Gewerkschafen anerkennen mu\u00dften, geschah dies jedoch nicht durch die \u00dcberzeugungskraft einer \u00bbmoralischen Verpflichtung\u00ab des Managements f\u00fcr die Arbeiter.<br \/>\nDie Taktik der Sit-ins war eben deshalb so effektiv, weil Fords Gesch\u00e4fte trotz der gro\u00dfen Depression gut gingen und die Fabriken daher am Laufen gehalten werden mussten. Trotz der ober\u00adfl\u00e4chlichen \u00c4hnlichkeiten mit den Arbeitsk\u00e4mpfen der drei\u00dfiger oder auch der siebziger Jahre scheinen die derzeitigen Besetzungen in Nordirland und Gro\u00dfbritannien kaum mehr als ein Akt der Verzweiflung zu sein.<br \/>\nAus dem Englischen von Isabel Teusch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend die Londoner Innenstadt anl\u00e4sslich des G20-Gipfels in einen gro\u00dfen Campingplatz gegen den Kapitalismus verwandelt wurde, griffen Arbeiter in Nordirland und Gro\u00dfbritannien auf das alte Kampfmittel der Fabrikbesetzung zur\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[37],"tags":[],"class_list":["post-315","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-jungle-world"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/315","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=315"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/315\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=315"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=315"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ericlee.info\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=315"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}